Erfahrungsbericht

Ich bin mit einer klaren Sehnsucht und ziemlich vielen Zweifeln in die Visionssuche gegangen. Ein Teil von mir wollte einen echten Schnitt: raus aus dem Grübeln, raus aus dem Funktionieren. Ein anderer Teil fand die Idee absurd: Vier Tage fasten, allein, ohne Dach – wozu sollte das gut sein? Ich hatte Angst davor, dass ich mich langweile, dass ich scheitere, dass ich am Ende einfach nur erschöpft zurückkomme und nichts „Großes“ passiert.


Vorbereitung und Ablösung
In der Vorbereitungszeit war ich überrascht, wie schnell sich mein Kopf nicht mehr rausreden konnte. Durch die Gänge in die Natur und die Begleitung der Leitung wurde deutlicher, was wirklich dran ist. Ich merkte, dass ich mich im Alltag oft über Leistung stabilisiere. Und dass ich mich dabei innerlich von mir selbst entferne.
Als wir den Satz formulierten, der meine Absicht tragen sollte, blieb ich erst hängen. Ich wollte etwas „Schlaues“ sagen. Etwas, das überzeugend klingt. Am Ende wurde es einfacher, ehrlicher: ein Satz, der mich nicht beeindruckt, sondern trifft.
Der Moment, meinen Platz zu finden, war unerwartet intim. Ich ging herum, schaute, spürte, zweifelte. Dann war da dieser Ort, an dem mein Körper ruhiger wurde. Nicht spektakulär. Aber eindeutig. Das Sicherheitskonzept gab mir dabei einen klaren Rahmen. Ich wusste: Ich bin allein – aber nicht verlassen.


Die Auszeit – Schwellenzeit
Am Morgen des ersten Tages, als wir zeremoniell ins Alleinsein entlassen wurden, bekam meine Absicht plötzlich Gewicht. Ich spürte: Das ist kein Natururlaub. Das ist eine Schwelle.
Die ersten Stunden – vielleicht auch der erste Tag – waren hart. Mein Kopf ratterte. Ich verhandelte innerlich mit allem: Hunger, Wetter, Sinn, meinem eigenen Mut. Ich hatte Momente, in denen ich dachte: Ich bin nicht gemacht dafür. Ich sollte abbrechen.
Dann passierte etwas Unaufgeregtes und Entscheidendes: Die Natur wurde nicht „magisch“, sondern schlicht präsent. Wind, Licht, Geräusche, die Langsamkeit des Tages. Ich musste nichts leisten. Ich durfte einfach da sein.
In der zweiten Nacht kam eine Traurigkeit hoch, die ich lange gut verpackt hatte. Keine dramatische Szene – eher ein stilles Aufgehen. Ich weinte, ohne genau zu wissen warum, und hatte zum ersten Mal seit langem nicht das Gefühl, mich dafür erklären zu müssen.
Am dritten Tag wurde es weiter in mir. Ich merkte, dass ich nicht Antworten „bekomme“, sondern ehrlicher werde. Ich sah klarer, wie ich mich selbst unter Druck setze – und dass ich daraus aussteigen kann. Nicht als Ideal, sondern als tägliche Entscheidung.
Der vierte Tag war nicht euphorisch. Eher ruhig. Ich hatte das Gefühl, wieder Kontakt mit einem inneren Boden zu haben. Als wäre ich mir selbst wieder ein Stück näher gekommen.

Die Integration – der Alltag
Zurück im Kreis rituell empfangen zu werden, war ein Moment, der mich tief bewegt hat. Ich hatte das Gefühl, mit meiner Erfahrung wirklich gesehen zu werden – nicht bewertet, nicht analysiert, sondern erkannt.

Als ich meine Geschichte teilte und gespiegelt bekam, wurde deutlicher, was davon in meinen Alltag gehört. Nicht als großes Versprechen, sondern als konkrete Schritte: weniger Selbstüberforderung, klarere Grenzen, mehr Vertrauen in das, was langsam wachsen will.

Ich bin nicht als „neuer Mensch“ zurückgekommen. Eher als ein echterer. Die Visionssuche hat mir keinen fertigen Lebensplan geliefert. Aber sie hat etwas in mir aufgerichtet, das mich trägt – und mich erinnert, warum ich tue, was ich tue.

Kurz gesagt: Ich bin mit Zweifeln gekommen. Ich bin mit einer tieferen, stilleren Klarheit gegangen. Und mit dem Gefühl, dass meine nächsten Schritte aus einem verbundenen Ort in mir entstehen – nicht nur aus dem Kopf.

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